November 2017: Christian Ehrenberg

Der gelernte Gross- und Aussenhandelskaufmann Christian Ehrenberg konnte Ende der 90er-Jahre sein Hobby „Musik & Medien“ zum Beruf machen. Seit dem Jahr 2001 ist er als Berater und Projektbetreuer in diesem Bereich selbständig. 2007 kam er dann zum Medienunternehmen Samsonido GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main und leitet dieses seit 2015 als Geschäftsführer. Christian Ehrenberg war zudem als Dozent für diverse Bildungseinrichtungen tätig. Von 2011 bis 2014 und seit Oktober 2015 bis heute ist Christian Ehrenberg Mitglied im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg. Dieses Ehrenamt bewog ihn, sich für den ersten Jahrgang der CAS Sportmanagement-Weiterbildung an der Universität St. Gallen in Zusammenarbeit mit dem FC Schalke 04 zu bewerben, welche er im Juni 2015 erfolgreich abschloss. Das Thema seiner Abschlussarbeit „der Fussball im Spannungsfeld zwischen Kommerzialisierung und Volkssport“ verfolgt ihn auch heute noch stark.

Frage 1: Christian Ehrenberg, können Sie sich noch an den ersten Studientag in St. Gallen erinnern – bestimmt ein ungewohntes Gefühl, im Alter von 41 Jahren wieder die Schulbank zu drücken?

Ja, nach einer langjährigen eigenen Dozententätigkeit war der Perspektivwechsel schon sehr interessant und zu Beginn auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Aber diese Anspannung ist sehr schnell verflogen, denn sofort wurde mir klar, dass es die absolut richtige Entscheidung war, noch einmal in die Rolle des Schülers zu schlüpfen.

Frage 2: Wieso haben Sie sich für die Sportmanagement-Weiterbildung an der HSG entschieden?

Für mich war natürlich der FC Schalke 04 als Kooperationspartner ein wesentlicher Aspekt bei der Entscheidung. Und natürlich hat die Universität St. Gallen international einen sehr guten Ruf. Ich versprach mir von dieser Kooperation, Theorie und Praxis dieses hochkomplexen Themas bei den Lehrinhalten ideal verbinden zu können. Das hat sich absolut bestätigt.

Frage 3: Wem empfehlen Sie den Studiengang?

All jenen, die im Profisport Verantwortung übernehmen müssen bzw. wollen. Meine eigene Situation als Aufsichtsrat eines Fussball-Bundesligisten zu Beginn meiner Amtszeit ist vielleicht ein gutes Beispiel. Natürlich beschäftigt man sich intensiv mit dem eigenen Verein und den sportlichen wie wirtschaftlichen Abläufen der Branche. Aber in der Praxis ist man schlicht ein Quereinsteiger, ein „Newbie“. Diese Erkenntnis fällt einigen ziemlich schwer, wie ich inzwischen weiss. Mir war aber schnell klar, dass Engagement, Networking und „Learning by doing“ schlicht nicht ausreicht, um mich in einer sich im Umbruch befindenden Branche zurechtzufinden und sie proaktiv im Rahmen meiner Möglichkeiten mitzugestalten.

Frage 4: Sie beschäftigen sich seit dem Lehrgang intensiv mit dem Thema „ Fussball im Spannungsfeld zwischen Volkssport und Kommerzialisierung“. Können Sie unseren Lesern bereits einige spannende Erkenntnisse verraten?

Das ist natürlich ein sehr komplexes Thema, welches auch bei jedem Verein unterschiedlich gelagert ist, weil die Aufgaben bzw. Problemstellungen anders sind. Kurz und knapp auf einen Satz reduziert: Alle Player des Profifussballs sollten den hohen soziokulturellen Wert des Fussballs für die Gesellschaft achten und zusätzlich zum profitorientierten Streben im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einstehen. Es wird eine „Investition“ sein, die sich auszahlt, da bin ich mir ganz sicher.

Frage 5: Die eingefleischten Fans begehren immer mehr auf – gegen den DFB und die Kommerzialisierung des Fussballs. Wie sehen Sie als Experte die Entwicklungen in diesem Bereich?

Ich sehe zunächst positiv, dass sich Verbände und die aktive Fanszene in den Dialog begeben. Miteinander reden ist stets besser als übereinander. Ich warne jedoch vor überzogenen Erwartungen an die Gespräche. Es liegt in der Natur der Sache, dass Funktionäre und Fans aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen gewisse Dinge auch unterschiedlich bewerten und oftmals anderer Meinung sind. Dennoch braucht es für den Fussball beide Seiten. Die Parteien sollten sich nicht gegenseitig belauern und auf die nächste Verfehlung der „Gegenseite“ warten. Die Initiative „ FC Play Fair!“ http://fcplayfair.de/ hat jüngst einen Antrag gestellt, die Fussball-Fankultur zum UNESCO-Welterbe zu erklären. Neben dieser – wie ich finde – sehr charmanten Idee hat diese Initiative auch eine sehr umfassende und weitreichende Umfrage http://fcplayfair.de/studie/ unter deutschen Fussballfans zum Thema „die aktuellen Probleme des Profifussballs“ durchgeführt. Die bemerkenswerten Ergebnisse zeigen hier ziemlich deutlich: Die vermeintlich kleine aktive Fanszene artikuliert gegenüber Verbänden und Vereinen durchaus auch Forderungen, die bei den „normalen“ Fans absolut mehrheitsfähig sind.

Frage 6: Sport ist geprägt durch Emotionen. Inwiefern können Fussballvereine trotzdem wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden?

Im Vergleich zu einem „normalen“ Wirtschaftsunternehmen nimmt der emotionale Part eine sehr grosse Rolle ein, nahezu jeder Arbeitsschritt in einem Verein ist davon betroffen. Natürlich sind Profifussballvereine unabhängig von ihrer Rechtsform bereits seit langem Wirtschaftsunternehmen. Aber eben ganz besondere, gerade aufgrund der Emotionalität und weil sie sich quasi an jedem Wochenende mit einem Konkurrenten im direkten Wettkampf messen müssen. Wer sich im Fussballgeschäft engagiert, muss diese Besonderheiten annehmen und sich aneignen. Vor allem der Umgang mit der Emotionalität muss gelernt werden. Nicht zuletzt dieser Sonderstatus bringt Vereine wie den FC Schalke 04 ja dazu, sich den „Nachwuchs“ für die Branche wie z. B. im Rahmen des CAS-Lehrgangs auszubilden.

Frage 7: Welche Rolle spielen Begriffe wie Identität, Identifikation und Authentizität im Bezug auf die Fussball- bzw. Fankultur?

Es sind Schlagworte, die sicherlich in keinem Leitbild eines Vereins fehlen. Ob sie mit Leben gefüllt werden, ist allerdings nur selten eine Frage von Vorgaben oder Leitsätzen – frei nach Forrest Gumps Mutter: „Authentisch ist der, der Authentisches tut“. Authentizität ist weder planbar, noch kann es per Vorstandsbeschluss entschieden werden. Wenn z. B. nach unserem verlorenen Relegationsspiel gegen Eintracht Frankfurt, bei dem wir dem Ergebnis nach denkbar knapp wegen einem Tor den Aufstieg verpasst haben, 40.000 Fans unsere Mannschaft beklatschen und sie mit „You’ll never walk alone“ wieder aufrichten… wie sollten sie für so einen Moment jemals ein Drehbuch schreiben? Momente, in denen sich Identifikation, Identität oder auch die Authentizität eines Vereins zeigen, sind Schlüsselmomente wie der eben beschriebene. Dass sie passieren, hat aber natürlich immer eine Vorgeschichte.

Frage 8: Knapp vier Monate nach der Weiterbildung haben Sie das Amt im Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg wieder aufgenommen. Welche Tätigkeiten bringt diese ehrenvolle Aufgabe mit sich?

Wie in den meisten anderen deutschen Vereinen definiert sich die Arbeit des Aufsichtsrats vornehmlich durch die Beratung und Kontrolle des Vorstands. „Ehrenvoll“ ist übrigens gleichbedeutend mit Ehrenamt. Meine acht Kollegen und ich erhalten keine Aufwandsentschädigung. Dennoch bereitet es grosse Freude, dieses Amt zu bekleiden und nicht zuletzt auch das Erlernte aus dem CAS-Lehrgang anzuwenden. Zumal wir wie auch alle unsere Mitbewerber mit der digitalen Transformation im Profifussball ein echtes Megathema vor der Brust haben. Offen sein für neue Ideen, klar und kompromisslos bei dem, was ich im Verein und beim Fussball allgemein aus Überzeugung als erhaltenswert erachte sowie die Ruhe, mittel- und langfristige Zielsetzungen nicht durch kurzfristige Ergebnisse auf dem Rasen aus den Augen zu verlieren. Letzteres fällt dem Fussballfan in mir naturgemäss am schwersten, aber hier waren vor allem Gespräche und Kontakte zu meinen Studienkollegen sehr hilfreich, die sich schon wesentlich länger in der Branche engagieren und die ich auch heute noch gerne um Rat frage.

Frage 9: Mit ihrem branchenspezifischen Know-how sind Sie bestimmt ein gesuchter Mann in der Sportwelt. Kommt für Sie in naher Zukunft auch ein hauptberufliches Engagement im Sportbereich infrage?

Ich führe momentan viele interessante Gespräche und bereite Projekte und Ideen, die mir am Herzen liegen, auf ihre „Marktfähigkeit“ vor. Natürlich geht es dabei massgeblich um den Einklang von wirtschaftlich sowie sportlich erfolgreicher Vereinsarbeit auf der einen und dem soziokulturellen Aspekt des Fussballs auf der anderen Seite. Erstaunlicherweise erfahre ich das grösste Interesse von Seiten der Sponsoren und potenziellen Investoren aus der Private-Equity-Branche, die sich im Fussballsport engagieren bzw. dies vorhaben. Im Hinblick auf meine Antworten zu Ihren vorherigen Fragen freut mich das ehrlich gesagt am meisten. Selten musste ich sehr viel Überzeugungsarbeit leisten, warum der Fussball meiner Meinung nach „Volkssport“ bleiben muss, damit alle „Mitspieler“ langfristig davon profitieren können. Einen Satz aus einem dieser Gespräche möchte ich gerne weitergeben: „Was nützt uns die dritte Reihe einer virtuell bespielten Werbebande, wenn wir uns beim Kameraschwenk über das Stadion fragen müssen, wo denn all die Zuschauer geblieben sind.“

Frage 10: Als Geschäftsführer der Samsonido GmbH sind Sie zudem in der Medienindustrie tätig. Wo verorten Sie den Schwerpunkt Ihres Unternehmens?

Wir beraten Unternehmen im Film- und Musikbereich und fungieren bisweilen auch als Investor und Initiator von neuen Ideen. Aber natürlich bleibt auch mein Hauptberuf nicht von Überschneidungen in die Fussballwelt verschont. Aktuell stehen wir im Planungs- und Entstehungsprozess eines Sportpodcast-Projekts mit einem langjährigen Partner aus dem Digitalvertrieb. Ganz ohne Fussball geht es eben schon lange nicht mehr.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke, Herr Ehrenberg!