Alma Antonia Botten ist ehemalige Profifussballerin und heutige Führungspersönlichkeit im internationalen Sportbusiness. Ihre sportliche Karriere führte sie in die norwegische Toppserien sowie ins Juniorinnen-Nationalteam Norwegens, bevor sie sich akademisch neu ausrichtete und Finanz- und Rechnungswesen an der Universität St. Gallen studierte.
Beruflich startete sie bei McKinsey & Company und sammelte anschliessend umfassende Erfahrung in der Broadcast-Industrie, insbesondere in den Bereichen Sportrechte und M&A.
2023 absolvierte sie den CAS Sportmanagement an der Universität St. Gallen und vertiefte damit ihr Know-how an der Schnittstelle von Sport, Wirtschaft und Innovation. Heute ist Alma Antonia Botten CEO von Edge Case Ventures, einer Innovations- und Investmentplattform des norwegischen Spitzenklubs FK Bodø/Glimt. In dieser Rolle verantwortet sie die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsmodelle im Sport und arbeitet eng mit internationalen Partnern aus Industrie und Venture Capital zusammen.
Frage 1: Liebe Alma, du hast selbst auf höchstem Niveau Fussball gespielt. Welche Erfahrungen aus deiner Zeit in der norwegischen Toppserien und im Nationalteam prägen dich heute noch in deiner beruflichen Rolle?
Aus meiner aktiven Zeit als Fussballerin nehme ich vor allem drei Dinge mit: dass gute Leistung systematisches Arbeiten über einen langen Zeitraum braucht. Dass man sich auf die eigene Leistung konzentrieren sollte – nicht auf Ergebnisse, die man sowieso nicht kontrollieren kann. Und dass am Ende immer das ganze Team liefern muss. Das gilt im Büro genauso wie auf dem Platz.
Frage 2: Nach deinem Studium an der HSG bist du bei McKinsey & Company eingestiegen. Welche "Management-Werkzeuge" aus der Beratung sind im oft emotional getriebenen Sportbusiness dein grösster Wettbewerbsvorteil?
Fussball ist eine sehr emotionale Branche – ein schlechtes Ergebnis auf dem Platz am Samstagabend kann schon am Montagmorgen die Geschäftsmöglichkeiten beeinflussen. Das hat mir McKinsey nie beigebracht, und ich glaube, das ist wirklich einzigartig in der Sportwelt. Trotzdem nehme ich zwei Dinge aus dieser Zeit mit, die mir heute enorm helfen: erstens die Fähigkeit, Probleme strukturiert anzugehen und Chancen zu erkennen, und zweitens das Netzwerk. Das öffnet einfach Türen.
Frage 3: Der Wechsel vom Profisport in die Wirtschaft ist ein grosser Schritt. Wie hast du diesen Übergang erlebt und was hat dir geholfen, dich in der neuen Welt schnell zurechtzufinden?
Das war vor allem eine grosse Identitätsfrage. Wenn du aufhörst, Sportlerin zu sein, verlierst du einen riesigen Teil davon, wer du bist. Das ist fast wie ein Trauerprozess. Ich habe relativ früh aufgehört, in einer Zeit, als der Frauenfussball noch nicht so professionell war wie heute. Ich hatte parallel studiert und fühlte mich dabei sehr wohl – ich mochte die Businesswelt von Anfang an. Und so war der Übergang für mich eigentlich ganz gut. Aber, ich hatte Glück. Ich hatte etwas "draussen", dass ich sowohl gut konnte als auch wirklich mochte.
Frage 4: Du hast 2023 den CAS Sportmanagement an der Universität St. Gallen absolviert. Warum hast du dich trotz deiner Erfahrung als Profi und Beraterin für diese Weiterbildung entschieden?
Ich wollte mein Netzwerk erweitern und neue Leute kennenlernen. Dazu kommt, dass ich eine starke Verbindung zur Schweiz habe, Deutsch spreche und mich im HSG-Umfeld einfach wohlfühle. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, genau das zu tun.
Frage 5: Wie hast du das Teilnehmerfeld im CAS Sportmanagement erlebt und welchen Mehrwert hattest du aus dem Austausch mit den anderen Teilnehmenden?
Es ist wirklich etwas Besonderes, wenn man in einen Raum kommt und merkt: die anderen ticken genauso wie ich. Trotz aller Unterschiede in Alter und Hintergrund hat sich sehr schnell echte Verbundenheit entwickelt, weil wir alle die gleichen Erfahrungen und Referenzpunkte mitgebracht haben. Es hat sich fast angefühlt wie nach Hause kommen – nur eben im Business-Kontext.
Frage 6: Heute bist du CEO von Edge Case Ventures. Für diejenigen, die das Modell noch nicht kennen: Was genau macht Edge Case Ventures und wie verbindet ihr Sport, Technologie und Venture Capital?
Edge (so nennen wir es kurz), dreht sich um die Frage: wie können Technologie und Sport gemeinsam besser werden? Das Potenzial ist riesig, neue Akteure für den Fussball zu begeistern. Unser Grundgedanke ist ein echter Paradigmenwechsel: weg vom Modell «Klub als Kunde», hin zu «Klub als Partner». Das Ökosystem und die Kompetenz eines Spitzenklubs haben einen echten Wert – den wollen wir nutzen. Wir arbeiten in zwei Bereichen: mit Startups über unsere Partnerschaft und Investorenrolle mit APEX, und mit grossen Technologieunternehmen, die die neue Arctic Arena von Bodø/Glimt, die 2027 fertiggestellt wird, als Testfeld und Showcase nutzen wollen. In beiden Fällen denken wir in Partnerschaften und gestalten Geschäftsmodelle so, dass der Klub wirtschaftlich profitiert.
Frage 7: Was ist die übergeordnete Vision hinter Edge Case Ventures und welche Rolle kann Innovation im Fussball künftig spielen?
Die Vision ist eigentlich ganz einfach: die Leistungsfähigkeit des Klubs zu steigern. Das erreichen wir auf drei Wegen: erstens neue Einnahmequellen erschliessen – durch eine Kombination aus kurzfristigem Cashflow und langfristigen Investitionen. Zweitens die besten und innovativsten Akteure anziehen und von ihrer Arbeitsweise und Kultur lernen. Und drittens, sicherstellen, dass der Klub Zugang zur besten Technologie hat.
Frage 8: FK Bodø/Glimt spielt aktuell wieder eine starke Saison und sorgt auch international für Aufmerksamkeit. Wie sehr befruchtet dieser sportliche Erfolg deine Arbeit ?
Fussball ist emotional – und sportlicher Erfolg hat direkte Auswirkungen auf das kommerzielle Potenzial eines Klubs. Wenn die Mannschaft liefert, öffnet das Türen, die sonst zu bleiben. Die Champions-League-Saison mit Siegen gegen Manchester City, Atlético Madrid und Inter Mailand hat dem Momentum unserer Arbeit bei Edge wirklich enormen Schub gegeben.
Frage 9: Viele Klubs sprechen über Digitalisierung, ihr investiert aktiv. In welche technologischen Bereiche muss der Fussball in den nächsten fünf Jahren investieren, um im Wettbewerb mit der globalen Unterhaltungsindustrie relevant zu bleiben?
Wir haben drei klare Schwerpunkte: Erstens Stadioninfrastruktur – die Arena muss top Unterhaltung liefern und als das wertvolle Asset bewirtschaftet werden, das sie ist. Zweitens Medien- und Fantechnologie – ein digitales Ökosystem rund um den Klub, das man auch kommerzialisieren kann. Und drittens sportliche Performance-Technologie – alles, was hilft, das volle Leistungspotenzial der Spieler und des Teams auszuschöpfen. Der letzte Punkt ist nicht verhandelbar: ohne ein starkes Produkt auf dem Platz gibt es schlicht nichts zu vermarkten.
Frage 10: Frauen sind in Führungspositionen im internationalen Sportbusiness noch unterrepräsentiert. Welche Erfahrungen hast du persönlich gemacht und was braucht es, um mehr Diversität auf Top-Level zu erreichen?
Ich persönlich habe das Frausein im Sportbusiness ehrlich gesagt nie als Hindernis erlebt. Vielleicht auch weil ich aus Norwegen komme, wo Frauen in Führungspositionen etwas normaler sind. Aber eines ist klar: Diversität in Führung ist kein Nice-to-have, das ist ein echter Leistungsfaktor. Wer als Klub oder Sportorganisation besser werden will, kommt an Gleichstellung und weiblicher Repräsentation nicht vorbei. Das ist für mich ganz logisch.
Frage 11: Zum Abschluss: Was motiviert dich persönlich jeden Tag in deiner Rolle – und worauf freust du dich in den kommenden Jahren besonders?
Mein Antrieb ist eigentlich simpel: Leistung. Jeden Tag selbst ein bisschen besser werden, und dem Team helfen, besser zu werden. Ich mache meinen eigenen Weg, grosse Fünfjahrespläne sind nicht wirklich mein Ding. Was ich aber weiss: in den kommenden Jahren werde ich besser sein als heute. Aber was mich persönlich gerade besonders freut: Norwegen ist in diesem Sommer zum ersten Mal seit 1998 bei der Fussball-WM dabei, das ist ein toller Moment für den norwegischen Männerfussball!
Vielen Dank für das Interview, liebe Alma!
Alma Antonia Botten
