Peter Niemeyer ist ehemaliger Bundesligaprofi und heutiger Leiter Profifussball beim SV Werder Bremen. Seine aktive Karriere führte ihn von Twente Enschede in den Niederlanden über Werder und Hertha BSC bis zum SV Darmstadt 98, wo er als Führungsspieler prägende Jahre erlebte. Während seiner beruflichen Neuorientierung nach der aktiven Karriere absolvierte Niemeyer 2019/2020 den CAS Sportmanagement an der Universität St.Gallen – verteilt über zwei Jahrgänge. Parallel dazu blieb er dem Fussball treu und übernahm verschiedene Aufgaben im Nachwuchs- und Leistungsfussball, zunächst als Trainer und später als Leiter der Jugend sowie als Geschäftsführer Sport beim SC Preussen Münster. Seit 2024 ist Niemeyer beim SV Werder Bremen verantwortlich für den Bereich Profifussball und gestaltet dort strategische und operative Themen rund um Kaderplanung, Entwicklung und die Zusammenarbeit mit dem Trainerteam.
Frage 1: Lieber Peter, wenn du auf deine aktive Karriere zurückblickst – welche Menschen haben dich auf deinem Weg besonders geprägt und warum?
Naheliegend sind es natürlich die Trainer, zu denen man während der Karriere immer ein intensives Verhältnis hat. Das war bei mir auch so. Es haben mich aber auch die Menschen geprägt, die im Hintergrund rund um die Mannschaft gearbeitet haben. Diese Menschen sind es oft, die den Verein ausmachen, bei denen man das grosse Herzblut spürt und die für ein Umfeld sorgen, in dem jeder Spieler seine beste Leistung abrufen kann.
Einen Moment werde ich dabei nie vergessen: Als wir mit Hertha zum Relegationsrückspiel nach Düsseldorf gereist sind, haben sich alle Mitarbeiter der Geschäftsstelle von uns verabschiedet. Jeder Einzelne hatte einen Brief an die Spieler geschrieben, um uns alles Gute zu wünschen. Solche Gesten haben mich sehr geprägt und mich durch besondere Momente meiner Karriere getragen.
Frage 2: Du hast bei Twente Enschede, Werder Bremen, Hertha BSC und Darmstadt 98 unterschiedliche Klubkulturen kennengelernt. Welche Unterschiede haben dich am meisten überrascht und was hast du aus diesen Erfahrungen mitgenommen?
Zunächst einmal bin ich sehr froh, dass ich bei diesen Traditionsvereinen spielen durfte – sowohl im Ausland als auch in Deutschland. Jeder dieser Vereine hatte seine ganz eigene Kultur und Emotionalität. Werder war dabei sicherlich besonders: Der Verein spielte damals jedes Jahr in der Champions League oder Europa League, das hatte eine ganz eigene Dynamik.
Meine Zeit bei Hertha hat mich vor allem durch die Grösse der Stadt, die ausgeprägte Medienlandschaft und der damit verbundene Druck auf den Verein geprägt, was nicht immer einfach war.
Darmstadt hingegen war von meinen Vereinen vielleicht der kleinste Traditionsverein, aber genau das machte ihn besonders. Dieses Bild vom "gallischen Dorf“ gegen den Rest von Fussballdeutschland war stark spürbar und sehr prägend.
Auch Twente Enschede war immer sehr ambitioniert. Hinter denTop-3-Mannschaften der Niederlande war der Klub meist der vierte oder fünfte Verein und stets mit dem Anspruch unterwegs, mehr zu erreichen.
Was alle diese Stationen verbunden hat, war die grosse Emotionalität, die mit Traditionsvereinen einhergeht.
Frage 3: Vor deiner Rückkehr nach Bremen warst du Geschäftsführer Sport bei Preussen Münster. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit unterstützen dich heute besonders in deiner Rolle bei Werder?
Bei Preussen Münster durfte ich erst als Sportdirektor und nachher als Geschäftsführer die komplette Bandbreite des Aufgabengebietes kennenlernen. Im Vergleich zu Werder waren die Strukturen kleiner, die vielfältigen Aufgabenlagen in wenigen Händen, was herausfordernd war aber durch den Erfolg auch total Spaß gebracht hat. Ich habe in meinem Arbeitsbereich viel mehr abdecken müssen, was Verträge angeht, Verträge selber schreiben, aushandeln, aber letztendlich auch das Alltagsgeschäft, Kadermanagement, Spielbetriebsmanagement, das war alles quasi bei mir verortet mit nur ganz wenige Menschen an meiner Seite, die ich aber sehr geschätzt habe. Ich schaue gerne an die Zeit zurück und ich schätze es genauso, mich jetzt bei Werder in einem noch professionelleren Umfeld einbringen zu können.
Frage 4: Nach deiner Spielerkarriere bist du dem Fussball treu geblieben und hast verschiedene Rollen übernommen: Trainer, Leiter der Jugend, Geschäftsführer Sport und nun Leiter Profifussball bei Werder Bremen. Was hat dich motiviert, diesen Weg im Management zu gehen?
Zunächst einmal bin ich sehr glücklich, dass ich nach meiner Spielerkarriere die Chance erhalten habe, weiterhin im Fussball tätig zu sein. Das ist nicht selbstverständlich. Bei all meinen Vereinen war es mir immer wichtig, den Club durch die Vordertür zu betreten und ihn auch wieder so zu verlassen. Umso bedeutender war es für mich, den Anruf von Twente zu bekommen, ob ich als Head of Development zurückkehren möchte, um die Top-Talente zu begleiten. Dem Verein, wo für mich als Fußballer alles begann.
Diese Aufgabe war für mich etwas ganz Besonderes und hat mir enorm geholfen, auch die Seite ausserhalb des Fussballplatzes kennenzulernen. Das waren meine ersten Schritte, die mir sehr viel gebracht haben. Ich durfte dort bereits Einblicke in die Kaderplanung gewinnen, war aber vor allem Teil des Trainerteams.
Auch wenn man als Spieler eine gute Karriere hatte, sind sowohl der Trainer- als auch der Managementbereich neue Berufe. Diese von der Pike auf zu erlernen, ist entscheidend – und genau diese Möglichkeit hatte ich. Nachmeiner Zeit bei Twente durfte ich dann den nächsten Schritt zu Preussen Münster machen. Dort bei einem kleineren Verein mitentscheiden zu dürfen, war ebenfalls sehr besonders. Heute nun bei einem grossen Verein Verantwortung zu übernehmen, fühlt sich sehr gesund an. Ich bin froh und dankbar, dass ich genau diese Schritte in dieser Reihenfolge gehen durfte.
Frage 5: Was macht die Rolle als Leiter Profifussball für dich besonders und welche Themen beschäftigen dich im Alltag am meisten?
Werder ist ein Klub mit einer unfassbaren Strahlkraft, der mir persönlich sehr viel bedeutet und der auch im Fussball-Deutschland weiterhin eine grosse Rolle spielt. Allein das macht diese Aufgabe schon besonders.
Darüber hinaus ist die Rolle aber auch deshalb speziell, weil ich mit Menschen arbeiten darf, denen ich vertraue und die mir wiederum vertrauen. Einige kenne ich sogar noch aus meiner aktiven Zeit, auch das ist bei bei einem Fussballverein über so einen langen Zeitraum nicht selbstverständlich. Ich bekomme den Raum, in meinem Verantwortungsbereich zu wirken und Entscheidungenmitzugestalten.
Konkret bin ich für das Profimannschaftsmanagement zuständig. Das umfasst im Alltag alles rund um die Mannschaft: die Kabine, den engen Austausch mit den Spielern und dem Staff, das Vertragsmanagement sowie die Zusammenarbeit in der Kaderplanung – natürlich im Zusammenspiel mit unserem Kaderplaner und dem Geschäftsführer. Zudem bin ich direkter Ansprechpartner für den Trainer. Das sind meine täglichen Aufgaben, und genau das macht mir unheimlich viel Spass.
Ich bin fest davon überzeugt, dass man erfolgreich sein kann, wenn man einander vertraut und gemeinsam in die gleiche Richtung blickt. Das ist der Weg, den wir hier verfolgen.
Frage 6: Du warst selbst Führungsspieler auf dem Platz. Welche Führungsprinzipien aus deiner aktiven Zeit helfen dir heute im Umgang mit Trainerteam, Spielern und Mitarbeitenden?
Ich glaube, das Thema Führung ist sehr vielschichtig. Sowohl in meiner Zeit als Spieler als auch heute steht für mich die Gemeinschaft klar im Vordergrund. Erfolg ist nur gemeinsam möglich, und ich bin fest davonüberzeugt, dass man zusammen deutlich stärker ist als allein.
Gerade in einer sehr schnelllebigen Welt ist Vertrauen ein hohes Gut. Es geht darum, bereit zu sein, füreinander die extra Meter oder auch die entscheidenden Zentimeter zu gehen, um gemeinsam maximalen Erfolg zu erreichen. Dabei spielt für mich auch Menschlichkeit eine grosse Rolle. Empathie ist ein wichtiger Faktor, um einander zu verstehen und echtes Vertrauen aufzubauen.
Nur wenn dieses Vertrauen da ist, kann jeder die beste Version von sich selbst werden. Diese Werte und Fähigkeiten sind für mich entscheidende Grundlagen, um gemeinsam erfolgreich zu sein.
Zur Ergänzung möchte ich ein Bild aus meinem Studium aufgreifen, das mir bis heute sehr präsent ist. Darin sieht man zwei Zimmermänner, die beide an einem Fenster arbeiten. Auf die Frage, was sie tun, antwortet der eine, er baue ein Fenster, während der andere sagt, er baue eine Kathedrale. Dieses Bild verdeutlicht für mich einen ganz wichtigen Punkt: Es geht darum zu wissen, dass man Teil von etwas Grossem ist. Wenn jeder versteht, dass seine Arbeit zu einem übergeordneten Ganzen beiträgt, dann lassen sich gemeinschaftlich grosse Erfolge feiern. Dieses Bild ist mir bis heute sehr stark in Erinnerung geblieben.
Frage 7: Der CAS Sportmanagement bringt Menschen aus ganz unterschiedlichen Sportarten und Branchen zusammen. Wie hast du diesen Austausch erlebt und welche Erkenntnisse oder Impulse hast du für deine Arbeit im Profifussball mitgenommen?
Für mich war es ganz entscheidend und total spannend, mich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Sportarten auszutauschen, die oft noch einmal eine ganz andere Sichtweise mitbringen. Genau das habe ich als sehr inspirierend empfunden, weil sich die Sportarten von den Rahmenbedingungen, besonders wirtschaftlich, sehr unterscheiden.
Dieser Blick über den eigenen Tellerrand hinaus ist unglaublich wertvoll. Andere Sportarten können einem viel mitgeben und echten Mehrwertliefern, gerade weil sie viele Themen aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Austausch im Rahmen des CAS war deshalb für mich sehr bereichernd und hat zudem unheimlich viel Spass gemacht.
Frage 8: Du hast die Module des CAS Sportmanagement auf zwei Jahre (2019/ 2020) verteilt. Wie hast du diesen Weg erlebt und welchen Vorteil hatte es für dich, zwei verschiedene Jahrgänge und deren Perspektiven kennenzulernen?
Nachdem ich meine Karriere 2018 beendet hatte, war das für mich eine neue Situation. Obwohl ich während meiner aktiven Zeit immer gedacht habe, ich schaue über den Tellerrand hinaus, war es danach dann doch anders. Mit dem Ende der Karriere verliert man plötzlich viele Strukturen, auch altersbedingt, und fühlt sich ein Stück weit orientierungslos.
Der CAS Sportmanagement war für mich – neben dem Trainerschein – einer der ersten Schritte nach der Karriere. Ich habe mich damals beworben beziehungsweise angemeldet und mich bewusst in diesen Prozess begeben. Das Studium war sozusagen der erste Schritt auf meinem neuen Weg ausserhalb des Platzes und hat mir sehr viel gegeben.
Während des Studiums war es dann so, dass sich für mich die Möglichkeit ergeben hat, bei Twente anzufangen. Dadurch war der Lehrgang in dieser Form nicht mehr komplett kompatibel. Umso dankbarer war ich, dass Christian und die Kollegen mir ermöglicht haben, meine letzten Module im Jahr 2020 nachzuholen. Das war nochmals total spannend, weil ich dadurch weitere Menschen kennenlernen durfte, die sich alle auf ihrem eigenen Wegbefanden und ganz unterschiedliche Hintergründe mitgebracht haben. Der Austausch mit zwei verschiedenen Jahrgängen und deren Perspektiven war für mich sehr wichtig und hat mir auch für meine weitere Entwicklung ausserhalb des Platzes viel gegeben.
Frage 9: Du hast als Profi selbst Auf- und Abstiege miterlebt und später als Sportverantwortlicher Mannschaften durch anspruchsvolle Phasen geführt. Welche Haltung hilft dir heute, in schwierigen Momenten Gelassenheit und klare Entscheidungen zu bewahren?
Ich denke , ganz entscheidend ist es, bei sich zu bleiben und den eigenen Stärken zu vertrauen. Wichtig ist auch, Menschen um sich herum zuhaben, denen man vertraut und mit denen man schwierige Phasen gemeinsam durchstehen kann. Dieses Miteinander ist aus meiner Sicht ein zentraler Faktor.
Für mich persönlich war es schon immer entscheidend zu wissen, woher ich komme. Ich war nie der beste Spieler und auch nie das grösste Top-Talent. Aber ich habe aus meinem Talent und aus meiner Karriere für mich das Maximale herausgeholt. Ich wollte es immer, vielleicht sogar immer ein bisschen mehr als andere.
Wenn man Menschen fragt, was sie bereit sind für den Erfolg zugeben, sagen die meisten: alles. Aber die entscheidende Frage ist doch, wer am Ende wirklich bereit ist, diese extra Meter zu gehen. Sich daran zu erinnern und sich in schwierigen Phasen darauf zu besinnen, hilft mir sehr, gelassen zubleiben und klare Entscheidungen zu treffen.
Frage 10: Zum Abschluss: Wenn du einen Tag lang mit einer Sportlegende die Rollen tauschen könntest – wer wäre es und warum?
Das wäre Michael Jordan. Vor allem deshalb, weil ich die Dokumentation über ihn gesehen habe und dort sehr deutlich wird, welches Mindset er hatte und was echte Siegermentalität ausmacht. Trotz unzähliger Fehlversuche und Fehlwürfe immer weiterzumachen und nicht aufzuhören, an sich zu glauben.
Genau das hat mich sehr beeindruckt. Dieses ständige Weitermachen, auch nach Rückschlägen, war etwas, das mich nachhaltig geprägt hat. Deshalb würde ich mich ganz klar für Michael Jordan entscheiden.
Vielen Dank für das spannende Interview, lieber Peter!
Peter Niemeyer
