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Nora Häuptle

Alumni des Monats Juli

Die gebürtige Thurgauerin Nora Häuptle ist ehemalige Profi-Fussballspielerin und Nationalspielerin für die Schweiz, bevor sie 2009 in den Trainerbereich wechselte. Während ihrer aktiven Karriere spielte sie unter anderem für den FC St. Gallen-Staad, die BSC Young Boys, den FFC Zuchwil 05, den FC Thun sowie den niederländischen Verein FCTwente Enschede.

Ihre Trainerkarriere startete sie beim FC Thun und führte sie anschliessend über verschiedene Stationen im Schweizer und internationalen Frauenfussball. Nach ihrer Tätigkeit als Trainerin des Schweizer U-19-Frauennationalteams, mit dem sie 2016 den Halbfinal der U-19-Europameisterschaft erreichte, übernahm sie verschiedene Aufgaben im Klub- und Nationalteamfussball. 2020 wurde sie Cheftrainerin des SC Sand in der deutschen Frauen-Bundesliga.

Von 2022 bis 2024 war Nora Häuptle Nationaltrainerin von Ghana. Mit der Mannschaft qualifizierte sie sich erstmals seit mehreren Jahren wieder für den Africa Cup. Seit Januar 2025 ist sie Cheftrainerin des Frauen-Nationalteams von Sambia, erreichte das Viertelfinale und hat sich wiederum für den im Sommer 2026 stattfindenden Africa Cup qualifiziert. Parallel zu ihrer Trainertätigkeit arbeitet sie für die UEFA als Women's Player Development Expert und Technical Observer.

2021 absolvierte Nora Häuptle den CAS Sportmanagement an der Universität St.Gallen. Die Weiterbildung ergänzte ihre langjährige Erfahrung aus dem Fussball mit zusätzlichen Perspektiven aus dem Bereich Sportmanagement.

Frage 1: Liebe Nora, du hast viele Jahre als Profi gespielt und einige Länderspiele für die Schweiz bestritten. Was hat Dich ursprünglich zum Fussball gebracht und wann war für Dich klar, dass dieser Sport ein wichtiger Teil Deines Lebens sein würde?

Ich bin am Bodensee aufgewachsen, war lange Strassenfussballerin und habe mit meinen Brüdern in jeder freien Minute gespielt. Ich liebe das Spiel noch heute so wie damals als Kind. Später spielte ich mit den Jungs im Verein, aber da war eine Karriere noch undenkbar. Als ich mit 16 Jahren auf einer Amerikareise im NIKE-Town Mia Hamm auf einem meterhohen Plakat sah und während der Frauen-WM 1999 die Stadien in den USA voll waren, wurden mir erstmals gewisse Dimensionen bewusst.

Frage 2: Du warst selbst Nationalspielerin. Welche Erfahrungen aus Deiner aktiven Karriere prägen Dich heute noch als Trainerin?

Ich denke schon, dass es meinem taktischen Verständnis als Trainerin geholfen hat, dass ich im Zentrum gespielt und von da aus das Spiel organisiert habe. Zudem ist es sicherlich gut, aus eigener Erfahrung zu wissen, wie eine Garderobe funktioniert. Auch wenn das Trainerdasein komplexer und mit mehr Druck verbunden ist, habe ich den Humor und Schalk vom Spielerinnendasein beibehalten. Ich hatte auch das Glück, in den 90er-Jahren in der neuen SFV-Spielphilosophie mit Viererkette aufzuwachsen und später in Holland von einem damals sehr modernen Approach viel zu lernen.

Frage 3: Der Wechsel von der Spielerin zur Trainerin gelingt nicht allen. Was hat Dich an dieser neuen Rolle besonders gereizt?

Grundsätzlich habe ich diesen Wechsel gar nicht angestrebt, war aber wohl durch mein Gesamtpaket prädestiniert: zentrale Feldspielerin auf ordentlichem Niveau, kommunikative Fähigkeiten, sportwissenschaftliches Studium und Lehrpatent. Der damalige Nachwuchschef vom FC Thun hat mich nach einer langwierigen Fussverletzung ins kalte Wasser geworfen und ich konnte meinen Spielerinnenvertrag ummünzen in einen Trainervertrag bei den U15-Jungs. Im kleinen Trainerbüro waren wir alle zusammen und ich konnte viel profitieren von den damaligen Trainern Murat Yakin, Martin Schmidt, Beat Suter und Raphaël Wicky. Anno 2009 war es einzigartig, dass eine Frau sich im Junioren-Spitzenfussball behaupten durfte, und ich war voller Enthusiasmus, mein Leben weiterhin vollumfänglich dem Fussball zu widmen.

Frage 4: Mit dem Schweizer U19-Nationalteam hast Du 2016 den Halbfinal der Europameisterschaft erreicht. Welche Erinnerungen verbindest Du mit dieser Zeit und was hast Du daraus für Deinen weiteren Weg mitgenommen?

Wir haben gleich im ersten Jahr das Halbfinale erreicht und die grossen Nationen geärgert. Es hat uns aufgezeigt, dass wir mit Teamgeist, taktisch frechem Approach und dem vermehrten Selektionieren und Fördern von explosiven Spielerinnen alles möglich ist. Auch die Heim-U19-EM im 2018 bleibt emotional in spezieller Erinnerung. Durch das Testen der Machbarkeit eines Grossanlasses entstand der Nährboden für die EURO 2025 in der Schweiz.

Frage 5: Im Laufe Deiner Karriere hast Du immer wieder neue Herausforderungen angenommen. Was motiviert Dich, Deine Komfortzone zu verlassen und neue Wege zu gehen?

Ich bin von Grund auf ein neugieriger Mensch und kann relativ gut das Potenzial von Projekten einschätzen. Es reizt mich dann, die Prozesse zu entwickeln, um die Performance zu erhöhen und dadurch auch mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfolg zu haben. Ich habe grundsätzlich wenig Angst vor dem Scheitern, wir haben ja so viele Opportunitäten als SchweizerInnen. Das gibt mir die Freiheit und das Selbstvertrauen, einen mutigen und innovativen Approach zu verfolgen. Zudem glaube ich, dass der Prozess ein guter Lehrmeister ist, wenn Du Dich gänzlich reingibst. Bis anhin konnte ich zumindest jede Mission erfüllen. Man wächst mit den Aufgaben und spürt dann auch, wenn es Zeit wird für ein neues Projekt.

Frage 6: Du hast mit dem Nationalteam von Ghana und heute in Sambia in einem ganz anderen Umfeld gearbeitet als zuvor in Europa. Wo hast Du Unterschiede in der Mentalität, der Wertschätzung oder der Bedeutung des Fussballs erlebt und was können wir in Europa vielleicht davon mitnehmen?

Grundsätzlich ist der Stellenwert und der Enthusiasmus für Fussball riesig in Afrika, wir spielten Quali für den Afrika-Cup vor 30'000 frenetischen Zuschauern. Fussball ist Nationalsport und Du bist damit Teil der öffentlichen Wahrnehmung. Ich manage hier mehr nach oben in die höchsten Führungsebenen des Landes. Extrem hohe Erwartungshaltungen gepaart mit wenig Ressourcen sind aber auch ein Limbo. Darum habe ich gelernt, nicht unendlich kompromissbereit zu sein in der Umsetzung. Die Spielerinnen sind viel weiter als das System. In Sambia gehören zwei Spielerinnen zu den Top 20 der Welt, mit Barbra Banda wahrscheinlich die beste Stürmerin der Welt. Mich fasziniert immer die Bodenständigkeit, wenn diese nach Hause kommen. Auch wenn sie Millionen verdienen, schnöden sie nie über die nicht immer perfekten Bedingungen im Nationalteam. Es ist ihre Wurzel und sie kommen immer mit vollem Commitment, weil sie das Team wie eine Familie lieben. Das berührt und motiviert mich extrem, auch in herausfordernden Verhältnissen nie die Positivität und Souveränität zu verlieren.

Frage 7: Du arbeitest in verschiedenen Kulturen und mit ganz unterschiedlichen Menschen. Was hast Du dabei über Führung und Teamarbeit gelernt?

Grundsätzlich wollen Menschen immer wahrgenommen, wertgeschätzt und weiterentwickelt werden. In Afrika richtet sich aber mehr noch alles nach dem Coach als Leuchtturm. Ich habe gelernt, bei all diesem Druck und den Erwartungshaltungen einfach authentisch und klar zu bleiben. Ich wurde in dem etwas volatileren Umfeld viel balancierter, punktierter und souveräner. Ich scheue mich nicht, Entscheidungen zu treffen sowie diese offen und gradlinig zu kommunizieren. Den Respekt verdient man sich nicht, weil man keine Fehlentscheidung trifft, sondern indem man sich den Entscheidungen stellt. Dann sollten schon aus zehn acht gute Entscheidungen gefällt werden. 😊

Frage 8: Neben Deiner Tätigkeit als Nationaltrainerin bist Du auch für die UEFA im Bereich Spielerinnenentwicklung tätig. Welche Entwicklungen im Frauenfussball machen Dich besonders optimistisch?

Ich denke grundsätzlich ist es Wahnsinn, wie der Markt sich exponentiell in allen Bereichen weiterentwickelt. Man hat viele Strukturen von den Herren kopiert und viele Wettbewerbe aufs Parkett gebracht. Meine Aufgabe bei der UEFA ist derzeit aber, zu hinterfragen, ob für Mädchen der Talentweg nicht etwas anders gestaltet werden sollte. Als Beispiel findet der Wachstumsschub bei Mädchen zwischen 10.5.–13.5 Jahren statt, während dieser bei den Jungs deutlich später erfolgt. Das heisst, dass Spätentwickelte bei den Frauen wahrscheinlich schon viel früher in der Selektion verloren gehen und Frühentwickelte vielleicht sogar kurzfristig einen Nachteil haben, da der Östrogeneinschuss die Leistungsfähigkeit erstmals minimiert. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlagen für strategisch spezifische Anpassungen im Talentweg für Mädchen.

Frage 9: Du hast den CAS Sportmanagement an der Universität St. Gallen absolviert. Was war für Dich die wichtigste Erkenntnis aus dieser Weiterbildung?

Mir wurde klar, wie wichtig es ist, ein scharfes Profil in puncto Leadership zu entwickeln. Ich mag die Segelschiff-Metapher. Die Vision als Nordstern, zu dem hin man zusammen segelt, die Energie, die Segel zu riggen mit Kurs auf Etappenziele, und die Menschen, welche sich mit den Werten identifizieren und sich im Boot sicher fühlen sollen. In Ghana hatten wir einen hohen Wiedererkennungswert mit der «Mission Volta», in Sambia ist es die Mission «Copper to Gold». Diesen Prozess muss man mit jeder Mannschaft neu bilden und ich bin immer wieder von Neuem gespannt, wohin diese Reise mit dem Team führt.

Frage 10: Wenn Du auf Deinen bisherigen Weg zurückblickst: Worauf bist Du besonders stolz und was möchtest Du im Fussball noch bewegen?

Ich denke, langsam komme ich in ein Alter, in welchem ich etwas gelassener werde und sich erste Kreise schliessen. Die Freude ist gross, wenn man ein System besser hinterlässt, als man es vorgefunden hat, und es nachhaltig bleibt. Zu sehen, wie sich Menschen entwickeln, mit welchen man eine Reise geteilt hat. Klar wäre es schön, einmal einen grossen Titel zu gewinnen, aber das sind nur Momentaufnahmen. Fussball prägt Dich nicht an einem Spieltag, es ist eine Lebensschule. Für die bin ich jeden Tag dankbar und möchte sie im Kern einfach geniessen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Nora!

Nora Häuptle

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